Gewerkschaften und Politisches

Backnang war eine Arbeiterstadt und somit politisch links geprägt. Die Nationalsozialisten waren in Backnang nicht so stark wie im Rest des Reiches. Die KPD und SPD waren immer stark. Mit der „Machtübernahme“ der Nationalsozialsten gerieten die Gewerkschaften, also die Stimmen der Arbeiter, in ihr Visier.

Am 2. Mai 1933 wurden die Gewerkschaften verboten. Das hatte die Unternehmer gefreut, weil sie nun ihre Arbeiter mit langen Arbeitszeiten und verstärkter Arbeitshetze ausbeuten konnten. Vor allem das Streikjahr 1906 war den Unternehmern in Erinnerung geblieben. Das war das Jahr, in dem es massivste Arbeitskämpfe in Backnang gab, zum Teil auch mit Erfolg für die Arbeiter.

Backnang Deutsches Reich
Datum SPD KPD NSDAP SPD KPD NSDAP
20.05.1928 16,0 21,5 29,8 10,6 2,6
14.09.1930 13,2 22,0 16,2 24,5 13,1 18,3
31.07.1932 11,9 24,0 37,6 21,6 14,3 37,3
06.11.1932 20,5 26,7 32,1 20,4 16,9 33,1
05.03.1933 11,2 19,6 47,7 18,3 12,3 43,9
Wahlergebnisse bei Reichstagswahlen in Prozent.1

Anhand der Abbildung 1 kann man erkennen, dass die Arbeiterparteien in Backnang im Vergleich zum Reich viel stärker waren. Beachten sollte man auch, dass die Wahlen am 5. März 1933 nicht mehr ganz frei waren (Linke wurden vorher verfolgt oder verhaftet). Das erklärt vor allem die Stärke der Nationalsozialisten bei diesen Reichstagswahlen.

Früher war in Backnang die Gaststätte „Schwanen“ der Treffpunkt der Sozialdemokraten und die Gaststätte „Germania“ (jetzt „Modehaus Langbein“) die der Kommunisten. Die zwei verschiedenen Treffpunkte der Arbeiterbewegung lassen sich auf die Spaltung der Arbeiterbewegung im Jahr 1918 zurückführen. Die nicht vereinigte Arbeiterbewegung erleichterte den Nationalsozialisten die „Machtübernahme“. Es gab heftige Auseinandersetzungen zwischen den Linken und den Rechten, die sich häufig am Schillerplatz trafen.

Die Backnanger NSDAP konzentrierte sich vorwiegend auf die Ausschaltung von Kommunisten und Sozialdemokraten. Die in Backnang lebenden Juden, die man an einer Hand abzählen konnte, wurden nicht wie im Rest des Reiches von Boykotten oder Ausschreitungen betroffen, da es nur ein jüdisches Textilgeschäft auf dem Marktplatz gab. Der „Halbjude“ Robitschek unterhielt eine eigene Gerberei. Nachdem der Backnanger Jude Feigenheimer sein Geschäft in der Weltwirtschaftskrise schließen musste, arbeitete er bei Robitschek. Der Bezirksleiter Dirr sagte seinem Klassenkameraden Feigenheimer, dass es für seine Sicherheit das Beste sei, wenn er Deutschland verlassen würde.

Nachdem Feigenheimer seinen Job bei Robitschek verloren hatte arbeitete er bei der Stadt Backnang bis Kriegsende als Straßenkehrer. Da in Backnang die antisemitische Bewegung nicht so stark ausgeprägt war (was nicht pauschal gilt), versteckten Backnanger Bürger Lebensmittelkarten im Kehricht, um Feigenheimer etwas zu Essen zu verschaffen. Das ist wohl eine Besonderheit in der Geschichte der Stadt Backnang.

Robitscheks Gerberei wurde langsam von der Gerberei Langbein „aufgefressen“ und er selbst wurde entlassen (siehe dazu auch Firma Räuchle: die befürchtete Firmenschließung). Dabei ließen sich gewisse antisemitische Tendenzen von Seiten der Gerberei Langbein erkennen.

Laut der Aussage von Iris Hoppe, war es für viele Unternehmen erforderlich der NSDAP beizutreten, um in der Wirtschaft voranzukommen. Viele würden es nicht wegen der Überzeugung tun, sondern damit sie nicht im Visier der Partei standen. Deswegen würde ein Unternehmer der Partei nur beitreten, damit es nicht zu sehr ins Auge fiel, ob ein Unternehmen „NSDAP-frei“ ist. Andere Unternehmer wiederum würden der NSDAP beitreten, weil sie von der Ideologie der Partei zutiefst überzeugt waren.5

Was Frau Hoppe damit wohl meint, ist, dass so gut wie alle Unternehmer von der Aufrüstung profitieren wollten. Sicherlich gab es welche, die der Ideologie der Partei nicht zustimmten, aber aus wirtschaftlichen Gründen beitraten oder einfach von der Partei nicht ständig belästigt werden wollten (z.B. Schweizer).

Manche Unternehmer widersetzten sich der NS-Ideologe und zogen damit ständig die Aufmerksamkeit der Partei auf sich. Im damaligem System war das sehr gefährlich aber auch sehr mutig.

Hintergrund: DAF — Die Deutsche Arbeitsfront6

Das DAF-Symbol.

Die Deutsche Arbeitsfront wurde am 10. Mai 1933 gegründet. Die DAF war ein einheitlicher Verband der Arbeitnehmer und Arbeitgeber und ersetzte die Gewerkschaften, nachdem diese am 2. Mai 1933 verboten wurden Sie übernahm ihr Vermögen. Die Mitgliedschaft in der DAF war freiwillig und trotzdem hatte sie 22 Millionen Mitglieder. Diese Organisation schaffte das Streikrecht ab, also die Kampfwaffe der Arbeitnehmer, was den Arbeitgebern nur recht sein konnte. Der Leiter der DAF war Dr. Ley, von den Gewerkschaftlern auch als Mörder der Gewerkschaften bekannt.

Die DAF hatte ein utopisches Ziel, nämlich den Klassenkampf zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern abzuschaffen und die Interessen aller Deutschen wahrzunehmen. In Wirklichkeit bedeutete es verstärkte Arbeitshetze und Leistungsdruck von den Seiten der Unternehmer und der DAF auf die Arbeiter.

Die DAF war hierarchisch nach dem Führerprinzip gegliedert. Es gab mehrere Ämter, die unter anderem den Leistungskampf der deutschen Betriebe durchführten und entschieden, wer zum Nationalsozialistischen Musterbetrieb gewählt wird. Die DAF-Organisation „Kraft durch Freude“ organisierte Freizeitaktivitäten und verschaffte den Menschen die Möglichkeit zum Kauf eines KdF-Wagens. In Backnang wurden die Backnanger Lederwerke GmbH zum „Nationalsozialistischem Musterbetrieb“ gewählt.7

Gerberindustrie8

Backnang war zwischen 1900 und 1980 eines der führenden Zentren der Schuh- und Lederindustrie. Firmen waren: Louis Schweizer (Besitzer: Fritz und Richard Schweizer), Robert Schweizer, Gerberei Räuchle (Besitzer: Max und Otto Räuchle), Jacob Ruoff, Gottlieb Häuser-Vogt, Carl Kaess (aus den Firmen zweier Brüder Carl und Robert Kaess), Fritz Häuser und Firma Hodum. Die Firmen entwickelten sich gut. Die Arbeiter dagegen arbeiteten lange Arbeitszeiten unter miserablen Arbeitsbedingungen. Daher fanden auch viele Streiks statt, wie z.B. im Jahr 1906. Backnang war also eine Arbeiterstadt, die politisch ziemlich links war.

Der Verlauf der Anzahl der Industriebeschäftigten in Backnang.9

Dank des stetigen Wachstums der Lederindustrie, wuchs auch die Backnanger Bevölkerung. Die entstehenden Arbeitsplätze lockten Arbeiter von Außen an und verhinderten Abwanderung ins Ausland. Bis 1945 betrug die Backnanger Bevölkerung 13.000 Einwohner. Vergleichen sie dazu die Abbildung 3. Es ist zu erkennen, dass die Mehrheit der Backnanger Bürger bis nach dem Krieg in der lederverarbeitenden Industrie tätig waren.

Ab dem Jahr 1933 ist die Anzahl der Beschäftigten nahezu konstant geblieben. Das kann man auch damit begründen, dass es immer weniger qualifizierte Arbeitskräfte gab. Ab dem Jahr 1960 begann die Zahl der Beschäftigten in der Lederindustrie zu sinken, bis nur noch wenige beschäftigt wurden.

Mit der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten, wurden die Rohstoffe, also in diesem Fall Rohhäute und Gerbstoffe, gezielt an einzelne Unternehmen gelenkt, um dem Rohstoffmangel in manchen Betrieben entgegenzuwirken. Den Unternehmen wurde ein bestimmtes Kontingent zugewiesen, das wegen Rohstoffmangel unter dem Normalverbrauch an Rohstoffen lag.

Der individuelle Normalbedarf einer Firma wurde mit Hilfe von Lagerbeständen und Verarbeitungsquoten, die bis zum 10. Mai 1934 an die Überwachungsstelle für Felle und Häute in Berlin gemeldet werden mussten, festgestellt.

Die Kontingentierung hinderte allerdings manche Unternehmen daran ihre Produktion weiter im normalem Maß weiterzuführen. Außerdem wurden weitere unüberschaubare Regeln für den Import von Rohhäuten aufgestellt. So mussten sich die Unternehmer für den Import von Häuten aus Südamerika, Afrika und Indien besondere Genehmigungen besorgen.

Um von Rohstoffimporten unabhängig zu werden, wollte die Überwachungsstelle für Felle und Häute den Einsatz von einheimischem Leder und Gerbstoffen fördern. Es wurde propagiert, dass einheimische Gerbstoffe die Qualität des Leders verbessern würden und es dürften höhere Preise für Leder, das mit einheimischen Stoffen gegerbt wurde, verlangt werden.10 Zusätzlich wurde der Verbrauch von knappen Gütern beschränkt und der Einsatz von (zum Teil künstlichen) Ersatzstoffen gefördert.

Der Organisationsdschungel des NS-Regimes führte auch dazu, dass manche Vorschriften realitätsfremd waren und die Unternehmen einschränkten, anstatt sie zu fördern. Das führte dazu, dass es immer wieder Konflikte zwischen den Unternehmen und den Organisationsstellen gab, wie z.B. bei der Firma Schweizer oder dem „nationalsozialistischen Musterbetrieb“ Lederwerke Backnang GmbH (meist falsch berechnete Mengenangaben über Rohstoffverbrauch/-verwendung, mehr dazu die jeweiligen Kapitel der Firmen).

Während des Krieges führte Rohhäutemangel zu einer geringen Auslastung der Firmen. Firmen, die keine Rüstungs- oder Kriegsbetriebe waren, wurden ab 1940 wegen Rationalisierungsgründen und Arbeitermangel gehäuft geschlossen. Die größeren Unternehmen waren erst ab 1942 betroffen. Auch in Backnang haben die Planungsstellen versucht mehrere Betriebe zu schließen. Zu den teilweise kuriosen Einzelheiten gibt es in den Kapiteln der einzelnen Unternehmen näheres zu erfahren.

Backnang konnte sich wegen ihrer Lage an der Murr zu der „Süddeutschen Gerberstadt“ entwickeln. Man konnte das Wasser aus der Murr beziehen, welches man für die Verarbeitung brauchte. Gleichzeitig war die Murr ein Entsorgungsbecken für die Gerbereien. Außerdem konnten die Gerber die nötigen Rohstoffe, also Häute, von den in der Umgebung liegenden Bauernhöfen beziehen. Aber auch der verstärkte Einsatz an Dampfmaschinen begünstigte den Aufstieg zur „Süddeutschen Gerberstadt“. 1972 brachten empörte Backnanger Bürger an der Sulzbacher Brücke ein Schild an, auf dem die Murr als Württembergs größter Abwasserkanal bezeichnet wurde.

Der Verschmutzungsgrad der Murr musste gesenkt werden. Dazu wurden die Firmen von der Stadt Backnang verpflichtet. Sie mussten bis 1990 das Abwasserproblem klären. Das war mit hohen Kosten verbunden, was manche Firmen in den Ruin stürzte. Andere verlagerten ihre Produktion ins Ausland.

Das Schild an dem Denkmal der Backnang-Annonay-Freundschaft.

Im Mai 1967 wurde in Backnang bei der „Verschwisterungsfeier“11 ein Denkmal eingeweiht. Das Denkmal symbolisiert die Freundschaft zwischen Backnang und der französischen Partnerstadt Annonay. Es stellt die Werkzeuge der früherer „Läderer“ (=Gerber) in Backnang dar. Das Denkmal steht heute mitten im Kreisverkehr der sich in der Nähe der Annonaybrücke befindet (siehe Abbildung 4).

Firma Louis Schweizer

Die Ursprünge der Firma Louis Schweizer sind auf das Jahr 186712 zurückzuführen. Der Betrieb entwickelte sich hervorragend, weil er ständig modernisiert und mechanisiert wurde. 1914 nach dem Tod des Firmengründers Louis Schweizer teilten die beiden Söhne Fritz, der den Betrieb mit dem Namen seines Vaters fortführte und Robert Schweizer die Firma.

1915 erbaute Fritz Schweizer ein Gerbstoffwerk in Murrhardt. Murrhardt bot ideale Voraussetzungen: es hatte das saubere und unbelastete Wasser der Murr und die nötigen Gerbstoffe konnten aus den umliegenden Wäldern bezogen werden. 1916 wurde das Backnanger Werk ausgebaut. Nachdem die Fabrik 1935 abbrannte, wurde sie trotz Einwände der Stadt Backnang 1939 durch einen modernen Neubau an der Bleichwiese ersetzt und ist unter dem Namen „Schweizerbau“ bekannt (Abbildung 5). Später wurde die Bleichwiese von den „brau[nen] Nazihorden“13 entehrt.

1927 starb Fritz Schweizer und die Firma wurde von seiner Frau Klara Schweizer und seinen zwei älteren Söhnen Fritz (junior) und Richard Schweizer übernommen. Trotz der schweren wirtschaftlichen Lage (Weltwirtschaftskrise) und der Abhängigkeit von ausländischen Importen schaffte es das Unternehmen zu überleben und Entlassungen zu vermeiden. Richard Schweizer besuchte mehrere Länder (u.a. USA, China, Russland), in denen er die Produktionsmethoden und die Verarbeitung von Leder kennenlernte. 1932 konnte die Firma Louis Schweizer die Produktion verdoppeln und den Gewinn sogar verdreifachen.14

Kriegsproduktion

Der Schweizerbau. Unten die Bleichwiese (Parkplatz) und die Murr.

Am Anfang des Jahres 1933 waren die aufgenommenen Schulden der Firma, die während der Weltwirtschaftskrise entstanden waren, weitgehend getilgt. Durch die „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten erhoffte sich die Firma einen Aufschwung und investierte deshalb in neue Fabrikanlagen in Backnang und Murrhardt.

Dem Unternehmen wurde ein relativ hoher Normalbedarf zugeteilt, weil es stark unter der Weltwirtschaftskrise gelitten hatte. Das ist aber auch darauf zurückzuführen, dass die Firma schwere Boden- und Fahlleder herstellte, die von der Wehrmacht für die Aufrüstung benötigt wurden. Die Firma Schweizer musste sich auf einheimisches Leder umstellen, weil der Import von Häuten, von dem die Firma stark abhängig war, eingeschränkt wurde. In dem Jahresbericht der Firma Schweizer aus dem Jahr 1940 steht, dass „nach Umstellung der Fabrikation auf die Kriegswirtschaft durch immer neue Anordnungen der Reichsstelle für Lederwirtschaft im Jahre 1939 […] die Produktion stark eingeschränkt werden“15 müsste.

Im Jahr 1940 wurde der Firma nur 5 Prozent des Normalbedarfs von Rohhäuten von 1933, zugeteilt. Jedoch konnte die Firma weiterproduzieren, weil die militärischen Erfolge in Osteuropa und auf dem Balkan, der Firma die Versorgung mit den erbeuteten Ressourcen, auch „Beutehäute“ genannt, garantierten.

Produktionsentwicklung der Firma Louis Schweizer in Prozent (1933 = 100 Prozent).16

Die Firma musste sich auf die Belieferung der Kriegswirtschaft umstellen und die Versorgung der Zivilbevölkerung mit Produkten zurückstellen. Das wurde der Firma von der Reichsstelle für Lederwirtschaft vorgeschrieben. Außerdem wurde vorgeschrieben, welche Arten von Leder produziert werden sollen, was dazu führte, dass die Produktionspalette schrumpfte. Ab 1940 produzierte das Unternehmen in hohem Maße Wehrmachtsleder. Da es sich folglich um ein kriegswichtiges Unternehmen handelte, wurde der Firma ab 1940 die stabile Versorgung gewährleistet (Siehe Abbildung 6). Der Anteil der Produktion von Wehrmachtsleder steigerte sich bis zu 72 Prozent im Jahr 1942.17

Als im Osten die militärischen Rückzüge begannen, lag wieder starker Häutemangel vor. Die Versorgung verschlechterte sich weiter, als 1944/45 viele Verkehrswege zerstört wurden. Um weniger ausländische Gerbstoffe importieren zu müssen, wurden einheimische Ersatzstoffe vorgeschrieben. Diese wurden z.B. bei der Firma IG-Farben entwickelt. Bei vielen Lederfabrikanten stießen diese Ersatzstoffe auf Ablehnung, weil sie wenig erprobt waren und qualitativ minderwertiges Leder verursachten. Bei der Firma Schweizer hatte man von den Ersatzstoffen eine positivere Meinung. Man fand heraus, dass man „immer durch richtige Anwendung zu positiven Ergebnissen“18 kommen kann. Die Verwendung von Ersatzstoffen vordoppelte sich auf 28 Prozent bis 1944.

Das Leder für die Wehrmacht war teurer, als das „normale“ bzw. billige Leder, das während der Weltwirtschaftskrise verkauft wurde. Mit dem Wehrmachtsleder konnten viel höhere Gewinne erzielt werden, als mit Leder für die Zivilbevölkerung. Die hohen Gewinne in den Jahren 1941-1944 können damit erklärt werden (siehe Abbildung 7). Der Umsatz bzw. Gewinn erfolgte immer zeitverzögert, weil zwischen dem Anfang der Lederverarbeitung und dem Verkauf bis zu 3 Jahre vergingen. Das bedeutet, dass die Produktion von Wehrmachtsleder im Jahr 1940 sich erst später bemerkbar macht (ca. ab 1941, vgl. Abbildung 7).

Gewinne der Firma Louis Schweizer in RM.19
Abb. 8: Die Anzahl der Beschäftigten bei der Firma Louis Schweizer.20

Die noch höheren Gewinne zwischen 1937 und 1939, sind darauf zurückzuführen, dass die Bewertungen der Preise für Rohhäute, die Schweizer im Lager hatte, erhöht wurden. Somit gewann das in den Lagern vorhandene Leder an Wert.21

Aufgrund von Arbeitskräftemangel, konnte die Firma immer weniger Lederprodukte herstellen (vgl. Abbildung 8). Die Arbeitskräfte wurden zur Wehrmacht abberufen. Die Firma stellte daraufhin verstärkt auch Frauen ein.

Durch alliierte Luftangriffe und Artilleriebeschüsse (in Murrhardt) gegen Ende des Krieges wurden die Gebäude der Firma beschädigt, wodurch ein großer finanzieller Schaden erstand (über 1 Mio. RM).

Die Firma Schweizer entwickelte sich im Vergleich zu anderen lederverarbeitenden Firmen aus Backnang und Umgebung überaus gut. Das liegt vor allem daran, dass die Firma noch Kapazitäten frei hatte und weiter Mitarbeiter einstellen konnte, nachdem die anderen Firmen bereits entlassen bzw. keine Neueinstellungen machen konnten (vgl. Abbildung 9).

Umsatz der Firmen Schweizer, Kaess, Breuninger und der Lederwerke. In Mrd. RM.22

Humanes Verhalten der Firmenbesitzer während des Nationalsozialismus

Die Firma bzw. die Firmenbesitzer stellten sich gegen die NS-Ideologie. Vor allem ist an dieser Stelle der Name Richard Schweizer zu nennen, auf den noch später eingegangen wird. So stellte der Betrieb 1934 zehn Arbeiter ein, die aus dem KZ Heuberg entlassen wurden und aufgrund ihrer Vergangenheit nirgends Arbeit bekommen hätten.23

Die Firma Schweizer widersetzte sich den Boykotten gegen Juden. Sie intensivierte sogar Kontakte zu ihren jüdischen Geschäftspartnern im Jahr 1933, „um sie in diesen schweren Zeiten zu unterstützen“.24 Die Firmenbesitzer zogen damit den Verdacht auf sich „nicht auf dem Boden der nationalen Regierung“25 zu stehen und der „Arisierung“ entgegenzuwirken. Die Beschäftigung von Juden wurde von Richard Schweizer unterstützt.26 Die Firma half auch Juden, die auswandern wollten, das nötige Geld aber nicht hatten. So überwies die Firma eine Summe von 10.000 RM an den Inhaber der Firma Rothschild.27 Die Überweisung wurde mit einer anderen Bezeichnung getarnt, um kein Aufsehen hervorzurufen. Schweizer wird korrektes und humanes Verhalten im Umgang mit Juden bescheinigt.

Richard Schweizer wurde 1941 trotz eines Herzfehlers zur Wehrmacht eingezogen. Ab 1942 war er in Litauen als Ledersachverständiger eingesetzt worden. Er sollte überprüfen, ob die dort ansässigen Betriebe rentabel sind oder nicht. Die unrentablen sollten geschlossen werden und die Beschäftigten nach Deutschland verschleppt werden.

Schweizer tat das Gegenteil: er modernisierte die Betriebe und erklärte die Arbeiter für unersetzlich. Juden besorgte er Ausweise, die sie als unentbehrliche Arbeiter auszeichneten. Außerdem richtete Schweizer Umtauschstellen für Leder ein. In Wirklichkeit dienten sie dazu, dass sich Juden mit Brot versorgen konnten. Dies flog im Jahr 1943 auf und gegen Schweizer wurde ein Verfahren wegen der Begünstigung von Juden eingeleitet. Außerdem wurde er aus der Partei geworfen. Dank der wirren Rückzüge aus dem Osten kam dieses Verfahren nicht zur Ausführung. Richard Schweizer war also ein Mensch mit einem „weltoffenem“ und „humanistischem“ Geist.28

Die befürchtete Firmenschließung während des Krieges

Auch die Firma Schweizer geriet ins Visier der Planungsbehörden. Zunächst war geplant die kleineren Backnanger Lederfabrikanten mit dem Backnanger Werk der Firma Schweizer zusammenzulegen. Nach Widerstand der kleineren Unternehmer sollte das Backnanger Werk geschlossen werden und die Produktion komplett nach Murrhardt verlagert werden.

Die Firma bemühte sich mit zahlreichen Schreiben die drohende Schließung zu verhindern. Unter anderem wurde als Grund für die Erhaltung des Betriebes die Verlegung der 88 Arbeitskräfte nach Murrhardt genannt. Die tägliche Anreise der Arbeiter nach Murrhardt würde die Bahn unnötig belasten und die lebenswichtige Freizeit der Arbeitnehmer in Anspruch nehmen. Mit einer intelligenten und ausgeklügelten Argumentation verdeutlichte Schweizer, dass die erhofften Kohleersparnisse nach der Schließung des Backnanger Werks nicht zustande kommen würden, weil die Anlieferung der Gerbstoffe immensen Aufwand darstellen würde. Schweizer verlangte sogar mutig den Ausbau seiner Fabrik, weil er Kunstleder produzieren wollte. Das Kontingent solle auf 60 Prozent des Normalbedarfs erhöht werden, damit er der Produktion von Faserleder nachkommen könne. Dabei würden keine zusätzlichen Arbeitskräfte gebraucht werden, was den Planungsstellen sehr wichtig war (wegen Arbeitskräftemangel).

Schweizer überzeugte mit seinen Argumenten die Behörden und die Betriebsschließung aufgrund „seiner modernen Einrichtungen und seiner rationellen Arbeitsweise“ konnte 1942 „nach langen Verhandlungen mit den zuständigen Reichs- und Landesbehörden“29 vorläufig abgewendet werden. Der Doppelbetrieb konnte allerdings nicht ewig aufrecht erhalten werden. Im April des Jahres 1944 wurde der Backnanger Betrieb wieder zur Schließung vorgeschlagen und am 1. September 1944 dann geschlossen. Als Ausgleich wurde dem Murrhardter Betrieb eine Kontingentserhöhung von 12 Prozent versprochen. In den Schweizerbau in Backnang zogen Firmen wie Daimler-Benz oder Deutsch-Koloniale (Deka) ein.30

Hintergrund: Entnazifizierung31

Als Entnazifizierung bezeichnet man die Säuberung der deutschen Bürger, Kultur, Presse, Wirtschaft, Politik und Judikative von nationalsozialistischen Elementen, in den Nachkriegsjahren. Die Entnazifierung gehörte zu einem ganzem Paket von Maßnahmen, die von den Alliierten zum Zwecke der Entnazifizierung, Entmilitarisierung und Demokratisierung Deutschlands durchgeführt wurde.32 Alle Firmenbesitzer, die Mitglieder der NSDAP waren, mussten sich vor einem Spruchkammergericht verantworten. Danach wurden die Unternehmer in Kategorien eingeteilt, wie z.B. „Belastet“, „Hauptschuldig“, „Entlastet“ oder „Mitläufer“.

Die Unternehmer argumentierten oft damit, dass sie mit der Teilnahme am Nationalsozialismus Firmenschließungen und Kontingentskürzungen verhindern wollten. Oft konnte sich das Gericht kein subjektives Bild vom Unternehmer machen. Allerdings waren Arisierungen ein eindeutiges Indiz auf eine Schuld. Mit dem Fortschreiten der Zeit wurden die Urteile der Spruchkammer immer milder und die Unternehmer wurden praktisch „im Fließbandverfahren rehabilitiert“.33

Nach dem Krieg

Richard Schweizer, Mitbesitzer der Firma Schweizer, war bereits im Mai 1933 der NSDAP beigetreten. Das erfolgte eher „automatisch“34 als bewusst, weil er früher mal in einer Organisation der Partei war. Er bezeichnete sich aber als einen unpolitischen Menschen. Er war nie bei Parteiversammlungen und hat sich nie als Parteimitglied identifiziert. Nicht einmal seine Nachbarn wussten von seiner Mitgliedschaft.35

Er musste seine Tätigkeit, nach einem Spruchkammerverfahren, das am Ende des Krieges von den Amerikanern geleitet wurde, aufgeben. Zuerst wurde er als „Nutznießer des Nationalsozialismus“ eingestuft. Nachdem immer mehr entlastende Quellen und Aussagen dazukamen wurde er als „Mitläufer“ klassifiziert.

Als er seine Bemühungen, bei der Unterstützung von Juden und die darausfolgenden Risiken für ihn selbst schilderte, wurde er vom Spruchkammergericht entlastet und durfte ab dem 6. Oktober 1947 in seinem Betrieb wieder arbeiten.36

Aufschluss über seine Ideen

Nach dem ersten Weltkrieg wollte man in Backnang ein Kriegerdenkmal errichten. 1923 wurde allerdings das gesammelte Geld aufgrund der Inflation wertlos. Doch dann entschloss sich der Mitbesitzer der Firma Louis Schweizer, Richard Schweizer, das Kriegerdenkmal zu sponsern. Seiner Meinung nach sollte es unter dem Turmschulhaus in der Innenstadt aufgestellt wer den. Er legte auch das Aussehen des Denkmals fest. Es ist im Vergleich zu anderen Denkmälern über den Krieg, eher ein friedliches und besinnliches. Am 21.September 1924 war es dann soweit und das Denkmal wurde eingeweiht. Das Denkmal steht heute immer noch an derselben Stelle (Abbildung 10). In den achtziger Jahren wurde im Bürgerhaus zu seinem Andenken eine Plakette enthüllt.

Heute ist die Nachfolgefirma, die „Schweizer & Weichand GmbH“, keine Gerberei mehr, sondern ein Automobil-Zulieferer mit Sitz in Murrhardt. Das Unternehmen gehört zur „Schweizer Group“. Auf der Webseite der Schweizer Group steht: „Aus den Ursprüngen des im Jahre 1867 in Backnang bei Stuttgart gegründeten Unternehmens entstand eine international agierende mittelständische Firmengruppe.“37

Das Kriegerdenkmal in der Marktstraße.

Carl Kaess und Backnanger Lederwerke GmbH

Die Firma Carl Kaess wurde im Jahr 1970 in Backnang von Gottlieb Kaess gegründet. Die Gerberei Carl Kaess war eine der größten Gerbereien in Backnang. Gleichzeitig ist es eine der ältesten Gerbereien in Württemberg überhaupt. Das Firmengelände befand sich im Biegel (Abbildung 11).

1919 übernahm Carl Kaess, der Sohn von Robert Kaess den Betrieb. Unter seiner Führung stieg sein Betrieb zu einem Konzern auf, nicht zuletzt dank Hitlers Rassengesetze und der daraus folgenden Arisierung. 1871 wurden bei Kaess die ersten Dampfmaschinen in Backnang eingesetzt. Die Weltwirtschaftskrise konnte die Firma genauso wie Schweizer trotz Abhängigkeit von Importen unbeschadet überstehen. Kaess stellte sogar neue Mitarbeiter ein.38

Über die Zerschlagung der Gewerkschaften freute sich Kaess39 (wie viele andere Unternehmer auch), denn jetzt konnte er seine Arbeiter z.B. längeren Arbeitszeiten aussetzen. Gewerkschaftler waren für die Firma nur ein Hindernis. So ließ Kaess 1926 alle Gewerkschaftler auf die Straße werfen.40

Backnang zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In der Mitte die Fabrik Kaess, der heutige Biegel.41

Nach dem Krieg

Der Firma Kaess wurde ab 1934 ein relativ hohes Kontingent an Rohhäuten zugeteilt, dann wieder stark gesenkt und 1941 war die Zuteilung wieder im Durchschnitt zu den anderen Firmen. Die Firma konnte ihre Lederproduktion ab 1943 steigern, was nicht normal für diese Zeit war. Das gelang der Firma, weil sie die Rohhäute der 1942 geschlossenen Lederwerke übernahm (vgl. das Jahr 1943 in Abbildung 12).

Ab 1940 wirkten sich die Einberufungen der Wehrmacht auch auf die Anzahl der Mitarbeiter bei der Firma Kaess aus. Die Anzahl sank und damit war auch die Produktion beeinträchtigt worden (vgl. Abbildung 13).

Produktion der Firmen Kaess und Lederwerke in Tonnen.42
Anzahl der Beschäftigten in Kaess' Betrieben.43

Die beiden Firmen produzierten in höchstem Umfang Leder für die Wehrmacht.44 Die Firma Kaess musste 65 Prozent ihrer Produktion an die Wehrmacht liefern. Das Produktionsprogramm wurde fast vollständig auf Wehrmachtsleder umgestellt. Deswegen wurden beide Betriebe als „W-Betriebe“ — Wehrmachts-Betriebe — anerkannt. Die Produktion von Ledersorten, wie z.B. Oberleder, wurde von der Firma vollständig eingestellt, weil es die Wehrmacht nicht abnahm und sich damit wenig Gewinne machen ließen.

Durch die Produktion für die Wehrmacht konnten beide Firmen gute Gewinne erzielen, was zur damaligen Zeit durchaus normal war (vgl. Firma Schweizer). Die positive finanzielle Entwicklung führte dazu, dass die Firma Kaess investierte und expandierte z.B. in den Bau von neuen Gebäuden in der Gartenstraße. Unter anderem wurden jüdische Betriebe aufgekauft, was der Firma den Status eines Konzerns verschaffte. Karl Kaess schaffte es mit Hilfe der Arisierung ("Entjudung der Wirtschaft", Betriebe von Juden mussten unter Wert verkauft werden) von 2 Betrieben vor dem Krieg auf 17 Betriebe zu expandieren. Die Erweiterung seiner Besitztümer erfolgte auf dem Rücken der unterdrückten jüdischen Firmeninhaber. Mit den neu erworbenen Betrieben konnte Kaess sein Imperium weiter ausbauen und satte Gewinne erzielen (vgl. Abbildung 14). Auch heute noch ist die Familie Kaess eine sehr reiche Familie.

Auch Karl Kaess hatte mehrere Konflikte mit den Planungsstellen. Vor allem aufgrund von Verwendung von zu viel teurer Naturrohstoffen. Außerdem meldeten die Lederwerke weniger Rohstoffe, als sie wirklich hatten.45

Gewinne der beiden Unternehmen von Karl Kaess in 1.000 RM.46

Die Backnanger Lederwerke GmbH wurde mit dem Preis „Nationalsozialistischer Musterbetrieb“ ausgezeichnet. Die entscheidenden Kriterien für einen NS-Musterbetrieb legte die „Deutsche Arbeitsfront“ (siehe Hintergrund: DAF) fest. Sie legte die Beurteilungsgrundsätze zu Schönheit der Arbeit, Freizeitorganisation, Berufsausbildung und zur Gestaltung der Betriebsgemeinschaft aus Betriebsführer und Gefolgschaft zu so genannten Werkscharen fest. Die Beschäftigten mussten am sogenannten „Leistungskampf“ teilnehmen, was oft nur verstärkte Arbeitshetze bedeutete.

Verhalten von Karl Kaess während des Nationalsozialismus

Carl Kaess, der Besitzer der Firma Lederwerke Backnang, passte sich rasch der neuen judenfeindlichen Politik an. So kündigte er seinen jüdischen Ledervertreter, weil „die Beschäftigung jüdischer Angestellter bei der heutigen nationalen Einstellung weitester Volkskreise Schaden zufüge.“47

Carl Kaess war auch ein „ganz großer Verdiener am Blut und Elend der Juden.“48 Er hat in großem Maße an der Arisierung jüdischer Betriebe teilgenommen, was ihm eine ausragende Stellung als Unternehmer verschaffte. Er kaufte das gesamte Aktienpaket der jüdischen Firma Haueisen & Cie. im Jahr 1933. Der Erwerb dieses Unternehmens wurde nach dem Krieg mit finanziellen Schwierigkeiten der Firma Haueisen begründet, die angeblich ein Großabnehmer von Kaess war.49 Kaess wollte diesen Großabnehmer nicht verlieren und kaufte so das Unternehmen. Allerdings ist der Wahrheitsgehalt dieser Begründung zweifelhaft.

Außerdem beteiligte sich Karl Kaess an Arisierungen der Firmen Spiess (heute noch im Besitz der Familie Kaess !), Berneis-Wessels (Nürnberg). In beiden Fällen hatte Kaess vor dem Spruchkammergericht eine passende Begründung (z.B. er wolle die Rettung der Firmen, weil ihnen wegen finanziellen Schwierigkeiten die Schließung drohe). Karl Kaess’ Vermögen betrug 1945 über 11 Milliarden RM. Sieben jüdische Unternehmen soll er erworben haben, auch solche, die branchenfremd waren, wie z.B. die hochmoderne Brauerei Stuttgarter Hoffbräu AG50 und die Weinbrennerei Jacob Jacobi AG. Die Übernahme branchenfremder Unternehmen war eher selten und eine Besonderheit von Karl Kaess, der wie es aussieht eine Vorliebe für Brauereien entwickelte.51

Karl Kaess blieb mit den Arisierungen nicht auf das Deutsch Reich beschränkt. Während die meisten Fabrikanten innerhalb der Grenzen blieben, griff Kaess auch nach Fabriken im Ausland, besser gesagt in den besetzten Gebieten. Er erwarb eine jüdische Spinnerei (Firma Skene & Co.) in Böhmen, was auch ein branchenfremder Betrieb war und eine Reißwollefabrik (der Besitzer war Tscheche).52

In einigen Fällen lassen sich die Vorgänge der Arisierung nicht eindeutig rekonstruieren und auch wegen Zeitgründen wird hier nicht näher auf die einzelnen Arisierungen eingegangen. Allerdings kann man einen Vergleich ziehen. Die vor der Arisierung gleich große Firma Louis Schweizer, hat im Vergleich zu Carl Kaess, nur ¼ eines jüdischen Betriebs erworben. Kaess war am Ende des Krieges Mitbesitzer von 17 Firmen. 7 dieser Firmen hatten früher jüdische Besitzer. Man kann durchaus berechtigt sagen, dass Kaess in der Nazizeit und mit Hilfe des Arisierungsdrucks auf jüdische Unternehmer sein Imperium ausbauen konnte.

Nach dem Krieg

Nach dem Krieg kamen amerikanische Untersucher zu folgendem Ergebnis: „Herr Kaess [hat] wirklich alle Aktien der Hofbräu AG unter dem Druck des Antisemitismus gekauft. […] Herr Kaess [war] früher ein kleiner Lederfabrikbesitzer […],[hat] aber seit 1933 am Nazidruck und Antisemitismus teilgenommen […]. Seit dieser Zeit hat sich sein Vermögen ungeheuer vergrößert.“ Danach wurde vorgeschlagen den „Herrn Carl Kaess […] als wahrscheinlichen Kriegsverbrecher zu verhaften.“53 Kaess wurde von den ehemaligen jüdischen Besitzern der Firmen Hofbräu und Jacobi belastet. Außerdem war die fördernde Mitgliedschaft in der NSDAP, SS, HJ und anderen nationalsozialistischen Vereinigungen für ihn belastend.

Jedoch stufte sich Kaess selbst als „Mitläufer“ ein. Auf der einen Seite bezeichnete er sich als Widerstandskämpfer, weil er dem Schweizer Erny (hat nichts mit der Firma Schweizer zu tun) geholfen hatte, auf der anderen Seite wurde das Spruchkammergericht von Aussagen und anonymen Anzeigen bombardiert, in denen Kaess z.B. als „größter Nazi Backnangs“54 bezeichnet wurde.

Weil sich die Spruchkammer kein objektives Bild von Kaess machen konnte und um die öffentlich gewordene Debatte zu beruhigen, wurde Kaess als „Mitläufer“ eingestuft und er musste letztendlich nur einen winzigen Bruchteil seines Vermögens als Strafe zahlen (100.000 RM). Nach langem Hin- und Herreden um die Frage der Bezahlung der Strafe, sagte das Spruchkammergericht Backnang über ihn, dass er „in Wirklichkeit kein Nationalsozialist gewesen sei.“55

Das Ergebnis des Verfahrens rief heftige Reaktionen in der Bevölkerung und den Medien hervor. Das Verfahren gegen Kaess sei „eine grobe Ungerechtigkeit gegen den Sinn und Zweck des Gesetzes“ und, dass „die Entnazifizierung […] hier versagt“56 habe. In der Tat kam Kaess eindeutig zu glimpflich davon.

In den 70ern Jahren stellte die Firma Carl Kaess die Produktion ein. Das ehemalige Firmengelände wurde neu bebaut, nachdem es von der Stadt Backnang gekauft worden war. Heute befinden sich im Biegel viele Geschäfte und man kann nur erahnen, dass sich im Biegel einst eines der größten Unternehmen Backnangs befand.

Die Schließung der Backnanger Lederwerke AG

Die Schließung dieses Betriebes wurde nicht nur wegen Rationalisierungsgründen angestrebt, sondern auch wegen disziplinarischen Fehlverhalten der Unternehmer.

Die Lederwerke waren, wie andere lederverarbeitende Betriebe auch, dazu verpflichtet Angaben über den Bestand, Verbrauch und Einkauf von Gerbstoffen zu machen. Das Unternehmen dürfte zwischen den Jahren 1937 und 1941 eine bestimmte Menge an Gerbstoffen besitzen. In Wirklichkeit hatte die Firma ca. das neunfache der erlaubten Menge gelagert. Das wurde nicht gemeldet und gegen die Firma wurde ein Verfahren eingeleitet. Das Reichsverwaltungsgericht errechnete, dass die nicht gemeldete Menge an Gerbstoffen 70 Eisenbahnwaggons entspräche oder anders gesagt 1,1 Mio. Kg.

Der Unterschied zwischen der gemeldeten Menge und der tatsächlich vorhandenen Menge wurde von Carl Kaess dadurch erklärt, dass in der Vorkriegszeit viele Rohstoffe eingekauft wurden, die nach dem Kriegsbeginn ein „Durcheinander der gestapelten verschiedenenartigen Gerbstoffe“57 im Lagerhaus verursachten. Im Laufe der Zeit habe man die Übersicht über die Gerbstoffe im riesigem Lagerhaus verloren. Zeugen sagten allerdings aus, dass Kaess die Gerbstoffe absichtlich gebunkert hatte. Der gleiche Zeuge sagte aber auch, dass die falschen Meldungen von einem Konkurrenten gemeldet wurden. Um einer noch höheren Strafe zuvorzukommen, meldete Kaess die Falschmeldungen selbst.

Das Reichswirtschaftsgericht verordnete eine Strafe von 250.000 RM plus zusätzlich die Ver handlungskosten in Höhe von 12.500 RM. Um noch höhere Strafen zu vermeiden wurde Kaess empfohlen, keinen Einspruch einzulegen. Kaess wollte den für die Meldung der Bestände verantwortlichen Mitarbeiter entlassen, um ihn als alleinigen Schuldträger hinzustellen. Dieser sagte jedoch, dass er sich keiner Schuld bewusst wäre.

Das Verfahren gegen die Lederwerke zog eine mögliche Schließung des Betriebes nach sich. Kaess versuchte alles mögliche, um seinen Betrieb zu retten. Dabei wandte Kaess zunächst die gleiche Methode wie Räuchle an. Er denunzierte mehrere seiner Konkurrenten (z.B. die Norddeutschen Lederwerke, die auch zwei Betriebe haben und deren Aktienkapital sich im holländischem Besitz befindet). Die Schließung des Backnanger Unternehmens Schweizer wurde abgewendet. Deshalb verwies Kaess auf die Firma Schweizer, weil sie auch aus zwei Betrieben besteht, genauso wie Kaess. Da die Backnanger Lederwerke zum „Nationalsozialistischem Musterbetrieb“ gewählt wurden, würde die „Stillegung des Werkes […] die Zerschlagung der Betriebsgemeinschaft bedeuten, die der Auszeichnung als ‚Nationalsozialistischem Musterbetrieb‘ würdig befunden wurde.“58

Da diese Maßnahmen nicht zu funktionieren schienen, wandte sich Kaess an das Reichswirtschaftsministerium. Erneut verwies er auf die Firma Schweizer, bei der der zweite Betrieb nicht geschlossen werden sollte. In gleichem Schreiben beschrieb er seine zwei Unternehmen als Unternehmen, die „sich unabhängig von einander […] aus eigener Kraft entwickelt“ hätten. Die Betriebe würden „überdurchschnittliche Arbeitsergebnisse“59 produzieren und seien hochmodern. Außerdem legte Kaess ein Schreiben der „IG-Farben“ bei, das die Lederwerke als wichtig hinstellte. Wahrscheinlich war das nur ein taktische Mittel. Doch all das half nicht. Die Lederwerke wurden am 1. Mai 1942 stillgelegt. Die Fabrik wurde an Daimler-Benz und Henkel vermietet.

Firma Gebrüder Räuchle

Die Firma Räuchle war eine kleine Unterlederfirma in Backnang, mit ca. 15 Beschäftigten während des Krieges. Beachtenswert ist der Einsatz der Firma für einen jüdischen Lederhändler. Ein Lederhändler, der Mitglied der NSDAP war, hatte sich geweigert Zahlungen an den jüdischen Lederhändler zu tätigen Da der jüdische Lederhändler Angst hatte sich über das Parteimitglied zu beschweren, wandte er sich an die Backnanger Firma Räuchle. Die Besitzer der Firma Räuchle, Max und Otto Räuchle, schrieben daraufhin einen Brief an das Parteimitglied und forderten ihn auf die Zahlungen zu tätigen. In einem weiteren, aggressivem Briefgefecht, in dem Räuchle auch Prügel angedroht wurden, musste das Parteimitglied die Zahlungen an den jüdischen Lederhändler erfüllen.60

Christian Räuchle und seine Familie gerieten häufig in den Verdacht der lokalen Nationalsozialisten, gerade wegen dem vermutetem Entgegenwirken zu dem Nationalsozialismus. Die Firma Räuchle hatte mehrere Konflikte mit den Planungsstellen. So wurde z.B. 1940 ihr vorgeschriebenes Lederkontingent etwas überschritten. Die Reichsstelle verlangte eine Strafe von 1.100 RM. Nachdem Max Räuchle die Überschreitung damit begründete, dass zwei Inhaber und weiteres Personal (u.a. Christian Räuchle) zur Wehrmacht eingezogen wurden und dass nur wegen diesem Fachkräftemangel der Fehler hätte entstehen können, hatte die Reichsstelle die Strafe auf 750 RM heruntergesetzt.

Christian Räuchle, der Inhaber der Firma Gebr. Räuchle, war der NSDAP 1938 unfreiwillig beigetreten und er schaffte es 1943 wieder auszutreten.61 Das zeigt auch, wie stark Räuchles Ablehnung gegenüber der NSDAP war. Da Räuchle Mitglied der SS war, obwohl er nicht immer Beiträge zahlte, belastete ihn das. Vor der Spruchkammer Backnang wurde er „entnazifiziert“. Er wurde als Mitläufer eingestuft, musste aber dennoch die Stellung in seinem Betrieb aufgeben. Der Hauptprüfungsausschuss, den der Backnanger Jude Robitschek leitete, wollte ihm seine Stellung wiederverleihen, weil seine Beteiligung am Nationalsozialismus zu gering war, jedoch ohne Erfolg. Räuchle musste am Ende eine Strafe in Höhe von 19.750 RM62 bezahlen.

Die befürchtete Firmenschließung

Die Firma Räuchle stellte vor 1940 kein Wehrmachtsleder her. Der Betrieb wurde nicht als Kriegsunternehmen anerkannt. Christian Räuchle, der sei Kriegsbeginn zur Wehrmacht eingezogen wurde, beschwerte sich darüber, weil das die Schließung seines Betriebes bedeuten könnte. Und in der Tat stand der Betrieb als einer der Ersten auf der Schließungsliste der Planungsstellen.

Mit diesem Anliegen wandte sich Räuchle nicht an die Reichsstellen für Wirtschaft, sondern an seine Vorgesetzten, weil er glaubte, dass in solch einer Situation ein Soldat einem anderem eher helfen könnte, als die „Berliner Stellen“. Räuchle beklagte sich, dass seine Konkurrenten im Ersten Weltkrieg nicht gedient hatten und deshalb jetzt „Millionenvermögen und grosse Werke“63 haben. Seine Familie war dagegen zahlreich im Ersten Weltkrieg vertreten. Namentlich nannte er dabei die Familie Kaess, die „körperlich wohl die beste Eignung als Meisterschützen bei den Jägern und in den Sportvereinen“64 hätten. Weiter sagte Räuchle, dass die Familie Kaess „grossen Nutzen aus Arisierungen“ zog und dass ihre „Übermacht auf den Weltkrieg zurückzuführen ist.“65

Da Räuchle kein Antisemit war, ist es umso überraschender, dass er den halbjüdischen Gerber Karl Robitschek denunzierte, den er später aber in Schutz nahm. Die Firma Robitschek wurde 1943 geschlossen und ihr Kontingent an die kleineren Backnanger Lederunternehmen verteilt. Das wurde aber rückgängig gemacht und das Rohhäutekontingent wurde Robitschek zurückgegeben.

Er gründete zusammen mit der Gerberei Otto Langbein eine Betriebsgemeinschaft, die sehr sparsam und wirtschaftlich arbeitete. Zuerst folgte eine Kontingentskürzung für Robitschek, dann wurden die Maschinen und Mitarbeiter von Langbein übernommen, bis auf den jüdischen Arbeiter Immanuel Feigenheimer. Karl Robitschek konnte zunächst als Partner mitarbeiten, dann im Jahr 1943 war er arbeitslos, „da [der Lederfirma Langbein] nicht zuzumuten sei mit einem Halbjuden zusammenzuarbeiten.“66

Nun zurück zu Räuchle. Räuchle sandte das oben beschriebene Schreiben an das Generalkommando und an den Chef der Staatskanzlei, der „in solchen Fällen unterstützend einzugreifen“67 hätte. Danach fanden sich viele Fürsprecher für Räuchle. Unter anderem sollte sich der „Generalfeldmarschall Göring“ darum kümmern. Räuchles Vorgesetzter schrieb an die Division in Ölmütz, dass „Kriegsteilnehmer und einberufenen […] Männer geschützt und vor Benachteiligungen daheim gebliebenen Leuten verhindert werden“68 müssen.

Räuchle hatte Erfolg. Im Januar 1940 wurde ihm inoffiziell mitgeteilt, dass er seine Firma behalten dürfte. Im März desselben Jahres erhielt Räuchle einen Großauftrag „auf Herstellung von Bodenleder mit einer Grundziffer über 2000 sowie von Unterleder mit einer Grundziffer über 1150.“69 Die Firma hatte auch in den folgenden Jahren nicht viel zu befürchten, weil der Einfluss der militärischen Stellen sehr groß war und Räuchle selbst ein „Frontkämpfer“ war.

Firmenschließungen ab 1944 (betrifft auch die Firmen Schweizer, Kaess und weitere)

Da es gegen Ende des Krieges ein Mangel an Arbeitskräften gab und weil Ressourcen rar waren, hatten die Planungsstellen erneut die Backnanger Lederunternehmer dazu bewegen wollen, sich zu Betriebsgemeinschaften zusammenzuschließen. Zuerst wurde das aufgrund starker „Abneigung der Inhaber“70 für unmöglich gehalten, doch wegen dem erhöhten Druck der vorgesetzten Stellen auf die zuständige Bezirksgruppe, wurde das Unterfangen vorangetrieben.

Die Unternehmer Karl Pommer, F.G. Schneider, Gotthold Rieger, Karl Häuser und vor allem Christian Räuchle wehrten sich gegen diese Pläne. Sie fühlten sich gegenüber den großen Unternehmen benachteiligt. Dass bei den Großbetrieben nicht einmal eine Kontingentskürzung vorgenommen wurde, empfanden sie als „ungeheuerlich“.71 So sagten sie, dass kleinere Unternehmen viel rationaler arbeiten würden und dass die jüngere Belegschaft der Großbetriebe viel eher für die Wehrmacht geeignet sei, als die alten Leute bei den Kleinunternehmern. Gezielt wurde dabei auf die Firmen Schweizer, weil es ein Doppelbetrieb sei, die Firma Kaess, weil es ein Stufenbetrieb sei und die Firma Fritz Häuser, weil es eine Kapitalgesellschaft war, verwiesen.

Der Widerstand der kleineren Unternehmer zog den Ärger der Reichstelle für Lederwirtschaft auf sich. Die verantwortlichen Stellen hätten „selten eine Rasse von so unerträglichen Unternehmern auf einem Haufen gesehen.“72 Es wurde mit konsequenzvollem Durchgreifen gedroht, falls die „fünf Backnanger Aposteln“73 sich nicht auf eine Lösung einigen. Vor allem wurde der Widerstand von Christian Räuchle kritisiert, der sich für unantastbar hielt, weil er ein „Major“ sei und ihm „nichts passieren“ könne.74

Die Benachteiligung der kleineren Betriebe ist darauf zurückzuführen, dass die Besitzer der großen Unternehmen mehr Machtfülle hatten. Oft konnten sie „alle möglichen Hebel in Bewegung [setzen], um der Stillegung zu entgehen.“75

Der lang andauernde Kampf brachte dem Leiter der Bezirksgruppe Roser, der sich mit der Sa che beschäftigt hatte, Kritik von Seiten der überregionalen Stellen und eine Schädigung seines Rufes. Roser gab die ganze Schuld Christian Räuchle und schlug vor seinen Betrieb zu schließen. Das wurde jedoch abgelehnt. Räuchle wurde die Zusammenarbeit mit der Schorndorfer Firma Chris. Breuninger vorgeschlagen, die er selbstverständlich ablehnte. Daraufhin versuchte Breuninger einen Vorteil daraus zu ziehen und schlug eine Kontingentskürzung bei Räuchle zu seinen Gunsten vor. Der Kreiswirtschaftsberater Vogt, der ein Backnanger war, lehnte dies ab.

Im Herbst des Jahres 1944 wurde Räuchle dazu gezwungen einer Betriebsgemeinschaft mit den Firmen Kaess und F.G. Schneider beizutreten. Ein wenig später konnte er sich dieser entziehen, was den Zorn anderer Lederfabrikanten in Backnang, die alle in Betriebsgemeinschaften waren, auf ihn zog.

Anhand dieser Geschehnisse in Backnang kann man erkennen, dass man als Unternehmer in Nationalsozialismus die richtigen Leute kennen musste, um nicht unterzugehen. Räuchle, der sich durchbeißen konnte, hatte es geschafft, dass sein Unternehmen den Krieg unbeschadet überstand.

Maschinenindustrie: Firma Kaelble

Die Maschinenbauindustrie war in Backnang vor allem durch die Firma Kaelble vertreten. Die schnelle Entwicklung der Backnanger Leder- und Textilindustrie lockte im Jahr 1895 die erst ein Jahr zuvor in Cannstatt gegründete Maschinenfabrik Kaelble an, die sich in der Wilhelmstraße 42 niederließ und auf die Reparatur von Turbinen, Motoren und Maschinen aller Art spezialisiert hatte und in den Backnanger Industriebetrieben potentielle Kunden sah.

Um dem internationalen Standard gerecht zu werden, wurde die Schreibweise des Namens geändert: aus Kälble wurde Kaelble. Bereits nach wenigen Jahren führten vermehrte Konkurse in der Backnanger Lederindustrie dazu, dass sich die Firma vom Dienstleistungs- zum Produktionsbetrieb wandelte.76

Hintergrund: Organisation Todt77

Die Organisation Todt (OT) war eine Bauorganisation während des Naziregimes in Deutschland. Der Name stammt von ihrem Führer Fritz Todt (später Rechtsminister für Bewaffnung und Munition, Vgl. Abbildung 15). Diese Organisation führte im ganze Reichsgebiet und im besetzten Ausland Bauvorhaben durch, die der Rüstungsindustrie oder dem Militär dienten.

Unter anderem war die OT für den Bau des Atlantikwalls, der Wolfsschanze zahlreicher Eisenbahnverbindungen und U-Bootbunker zuständig. Die Arbeiter von OT waren streng hierarchisch organisiert. Nachdem die Anzahl der deutschen Arbeiter und Ingenieure im Verlauf des Krieges abnahm, wurden verstärkt Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter eingesetzt, die aus ihren Heimatländern verschleppt wurden und weitgehend rechtlos waren. Diese wurden dann zu den Bauprojekten herangezogen.

Abb. 15: Fritz Todt

Kriegsproduktion

Vor dem Zweiten Weltkrieg war der Bedarf an schweren Planierraupen und Erdbewegungsgeräten hoch. Der damalige Rechtsminister für Bewaffnung und Munition Dr. Todt (Fritz Todt) beauftragte die Industrieführer darunter auch Kaelble mit der Produktion dieser Maschinen.

Während andere überlegten, ob sie mit der Produktion von ganz neuen Maschinen für die NS-Bauvorhaben beginnen sollten, willigte Kaelble sofort ein. Vielleicht weil er erkannte, dass es eine gute Absatzmöglichkeit für seine Maschinen ist. Dazu Carl Kaelble: „Wir machen das und wir werden zwei Jahre brauchen, wenn wir alles selbst konstruieren müssen und ein Jahr, wenn wir uns im Prinzip an etwas anlehnen könnten.“78 Damit meinte er die bereits vorhandenen Maschinen im Kaelble-Katalog.

Es wird gerätselt, ob Carl Kaelble und Dr. Todt dadurch Freunde wurden oder ob ihre Beziehung rein geschäftlich war. Die Zusammenarbeit mit der Organisation Todt, die nicht zuletzt auf die gute Qualität der georderten Maschinen zurückzuführen ist, brachte der Firma volle Auftragsbücher und satte Gewinne. Wahrscheinlich stammen die Zwangsarbeiter, die bei Kaelble schufteten von der Organisation Todt (siehe dazu auch das Kapitel Zwangsarbeiter). In der Ausstellung „100 Jahre Kaelble in Backnang“ stand lediglich folgendes zum Thema Kriegsproduktion: „Kaelble entzieht sich nicht den Aufgaben, die während des Krieges an die Industrie gestellt werden.“79 Dieser Ton ist viel zu untertrieben. Die Firma müsste sich über die Aufträge gefreut haben. Die enormen Rüstungsgewinne der Firma wurden nicht an die Belegschaft verteilt.80

Im ersten Viertel des letzten Jahrhunderts entwickelte sich die Firma zum führenden Fahrzeughersteller. 1939 – pünktlich zum Beginn des Krieges – baute Kaelble die größte Planierraupe Europas.81 Die Firma Kaelble produzierte auch während des Krieges zahlreiche Maschinen für die Rüstung und konnte so gute Gewinne erwirtschaften. Kaelble belieferte auch die Deutsche Reichsbahn mit speziellen Zugmaschinen.82

Ein Beispiel: Die Dieselmotor Straßenwalze von Kaelble, Baujahr 194183

Die Straßenwalze basiert auf dem klassischen Dreiradkonzept, mit zwei Rädern an der Hinterachse und einer großen Walze an der Vorderachse. Die Straßenwalze verfügte über einen Dieselmotor und war 3 bis 16 Tonnen schwer. Während des Fahrens mussten die Räder der Straßenwalze mit Wasser begossen werden. Dazu befand sich ein Wassergefäß hinter dem Fahrerhaus. Man konnte die Straßenwalze auch mit zusätzlichen Gewichten oder mit wassergefüllten Rädern beschweren.

Karl Kaelble

Insgesamt war die Firma Kaelble eine sehr innovative Firma. Sie hatte sehr viel Neues auf dem Gebiet von Baumaschinen erreicht. Das wird auch durch die zahlreichen Patente der Firma belegt. Carl Kaelble selbst war ein überaus begabter Ingenieur und er wollte immer Verbesserung erreichen. Er war länger als ein halbes Jahrhundert im Verein der Deutschen Ingenieure. Dafür wurde er mit der goldenen Dankesnadel geehrt.84

Damals hatten die Beschäftigten bei Kaelble im Durchschnitt noch eine Arbeitszeit von 8 bis 10 Stunden. Kaelble war ein sehr autoritärer Chef, der es zuließ, dass seine Lehrlinge geschlagen wurden.85 Hier in Backnang waren bis nach dem Krieg 1.100 Mitarbeiter bei Kaelble beschäftigt. In den Dreißiger Jahren waren es etwa 500, davon 80 Prozent an Maschinen Arbeitende. Die Arbeiter waren weniger gesundheitlichen Schäden ausgesetzt als bei den Gerberbetrieben. Arbeiterschutz wurde damals bei allen Unternehmen vernachlässigt.86

Natürlich waren Gewerkschaftler bei den Unternehmern nicht beliebt. So wurde 1928 der Betriebsratvorsitzende, der ein Sozialdemokrat und aktiver Gewerkschaftler war, entlassen. Da dürfte sich Kaelble über die komplette Abschaffung der Gewerkschaften in der NS-Zeit wohl gefreut haben. Schließlich konnte man spottbillige und rechtlose Arbeiter, die nicht herummeckern gut gebrauchen.

Nach dem Krieg

Nach dem Krieg war nichts zerstört. Kaelble konnte nun Maschinen, die ursprünglich für die Wehrmacht bzw. für die Organisation Todt bestimmt waren, zum Zweck des Wiederaufbaus verkaufen. Reparaturarbeiten konnten erst 1948 aufgenommen werden, weil man zum einen keine Ersatzteile hatte und weil einige Werkteile von den Amerikanern für ihre eigenen Reparaturen gebraucht wurden.87

Das bedeutet also, dass die Firma nach dem Krieg einen guten Neuanfang hatte, da man sich schnell an die aktuelle Situation anpassen konnte. Im Krieg wurde die Wehrmacht beliefert und nach dem Krieg der Wiederaufbau. Was wichtig ist, ist der Gewinn, egal bei welchem Abnehmer.

Am Ende des Krieges wurde das ganze belastende Material (Akten, Dokumente, u.ä.) vernichtet, um die Politik des Unternehmens während des NS-Regimes zu verheimlichen. Das wurde als ein tragischer Verlust dargestellt, wobei die ganzen Konstruktionspläne und Patente nicht verloren gingen.88 So soll der Betreib judenfeindlich gewesen sein und zahlreiche Zwangsarbeiter beschäftigt haben.

Im Jahr 1975 fing die Krise bei Kaelble an. Viele negative Schlagzeilen waren in der Presse zu lesen, z.B.: „Schwere Führungskrise bei Kaelble Backnang“ oder im Jahr 1985: „Rückständiger Lohn und Gehalt wird nachgezahlt.“89 Eine Zeit lang konnte sich Kaelble über Wasser halten z.B. mit Hilfe einer 10 Mio. Bürgschaft des Landes Baden-Württemberg oder wegen guten geschäftlichen Beziehungen im Nahen Osten: „Über Kaelble Middle-East war auch eine Verbindung zu Libyen entstanden Über 90 Prozent aller Erzeugnisse gingen nach Libyen.“90 Wenig später wird das Firmengelände an Bosch und die Stadt Backnang verkauft. Nachdem Kaelble wegen eines Bankenembargos seine Maschinen nicht mehr nach Libyen ausliefern kann, kam 1996 dann das Aus.

Textilsektor: Spinnerei Adolff

In Backnang gab es im Wesentlichen eine textilverarbeitende Fabrik, nämlich die Firma Adolff. Die Firma gilt als eines der ersten Unternehmen in Backnang. Gegründet 1832 mit dem Namen „Obere Spinnerei“, später J.F. Adolff AG. In Backnang auch „Spinne“ genannt.

Das Unternehmen liegt im Osten Backnangs, an der Mündung der Weißach in die Murr. Das Unternehmen Adolff entwickelte sich rasant. Es war das wohl größte Unternehmen Baden-Württembergs in seiner Branche und jahrzehntelang das größte Unternehmen im Kreis. Bereits 1866 hatte das Unternehmen eine 8 PS starke Dampfmaschine. Im Jahr 1926 betrug die Anzahl der Arbeiter 800, doppelt so groß, wie das größte lederverarbeitende Unternehmen zu der Zeit. Und mit 2.300 Arbeitern im Jahr 1965 hatte die Firma ihre höchste Mitarbeiterzahl.

Anhand der Abbildung 16 kann man erkennen, dass die Firma Adolf ab 1943 mehr Arbeiter eingestellt hatte, als die gesamte Backnanger Lederindustrie. Mit ihren Arbeitsplätzen hat sie Menschen von außerhalb nach Backnang gelockt. Die Firma hat wesentlich zum Wachstum Backnangs beigetragen.

Der Verlauf der Anzahl der Industriebeschäftigten in Backnang.91
Das ehemalige Gelände der Firma Adolff.92

Laut einer Aussage von einem Arbeiter der Firma Adolff, der 1946 bei der Firma anfing, war die Firma Adolf „der sozialste Betrieb, den es zu dieser Zeit gab.“93 Es gab mehrere soziale Einrichtungen, wie z.B. ein Kindergarten und eine Gesundheitsstation. Außerdem wurde Betriebssport ausgeübt. Aber auch in der Backnanger Kreiszeitung aus dem Jahre 1957 steht anlässlich des 125. Jahrestags der Spinnerei Adolf, dass der Betrieb ein sozial angenehmer Betrieb war: „Der Betrieb muß […] in seiner Gesamtheit ein sozialer Raum sein, der den Wünschen seiner Arbeiter und Angestellten nach sozialer Sicherheit […] gerecht wird.“94

Vermutlich hat der Betrieb während der Zeit des Nationalsozialismus recht ordentlich an der Kriegsproduktion verdient, wie auch die meisten anderen Unternehmen. Es sind keine Angeben über die Teilnahme an der Arisierung zu finden. Die Rolle des Unternehmens während des Krieges kann nur unzureichend beleuchtet werden, mit der Ausnahme der Zwangsarbeiterbeschäftigung (siehe dazu das Kapitel Zwangsarbeiter).

Allerdings sank auch bei Adolff die Anzahl der Angestellten ab 1960, bis sie im Jahr 1989 bei 0 lag. 1989 wurde die Produktion eingestellt und der Gebäudekomplex (Abbildung 17) an einen Münchener Investor verkauft, welcher daraus ein Gewerbepark errichtete. Manche dieser Gebäude stehen heute unter Denkmalschutz, unter anderem das Arbeiterinnen-Wohnheim, das auch Marienheim genannt wird. Nur die Baracken, die sich dort befanden, wo sich heute der Sportplatz nahe des Discounters Aldi befindet und in denen die Zwangsarbeiter, die bei der Firma in den Kriegsjahren arbeiteten, wurden schnell abgerissen. Zu dunkel ist wohl das Kapitel in der Firmengeschichte, wie bei vielen anderen Unternehmen auch.95

Der Geschäftsführer der Firma Adolff, der Herr Coppenrath, war am Ende des Krieges im Widerstand. Er ist unter anderem dafür verantwortlich, dass Backnang von den Amerikanern nicht zerstört wurde (Weiteres dazu im Kapitel „Die letzten Kriegstage und die Besetzung durch die US-Armee“.

Literatur- und Quellenangabe

Bücher

  • Petra Bräutigam: Mittelständische Unternehmen im Nationalsozialismus, Oldenbourg Verlag.
  • 100 Jahre Kaelble.

Zeitung und Zeitschriften

  • Reinhard Fiedler: Backnanger Kreiszeitung; Stroh. Druck und Medien GmbH, Backnang.

Internet

Zeitzeugeninterview

  • Reiner Blaschke am 16. Februar 2007.
  • Iris Hoppe am 8.Juni 2007.

Sonstige

  • Broschüre: Gewerkschaftlicher Stadtrundgang vom Ortskartell Backnang.
Fußnoten
  1. Petra Bräutigam: Mittelständische Unternehmen im Nationalsozialismus. Oldenbourg Verlag, S. 50.
  2. Gewerkschaftlicher Stadtrundgang (3. Station) vom Ortskartell Backnang.
  3. Als Halbjuden wurden nach der NS-Rassenlehre die Menschen bezeichnet, die aus einer Mischehe mit Christen hervorgingen.
  4. Petra Bräutigam, S. 251 ff.
  5. Interview mit Iris Hoppe am 8. Juni 2007 (bezieht sich auf den ganzen Absatz).
  6. Deutsches Historisches Museum: „Die Deutsche Arbeitsfront (DAF)“; Wikipedia: „Deutsche Arbeitsfront“.
  7. Petra Bräutigam, S. 223 ff.
  8. Anmerkung: Der Widerstand von Unternehmern wird hier nicht komplett behandelt. Es werden nur einige Elemente des Widerstandes der Firmen Räuchle und Schweizer dargestellt, um das Verhalten der Unternehmer zu beleuchten. Siehe dazu auch das Kapitel „Widerstand der Unternehmer und Arbeiterbewegung“.
  9. Gewerkschaftlicher Stadtrundgang vom Ortskartell Backnang.
  10. Petra Bräutigam, S. 91.
  11. Gewerkschaftlicher Stadtrundgang (2.Station) vom Ortskartell Backnang.
  12. Schweizer Group.
  13. Gewerkschaftlicher Stadtrundgang (2.Station) vom Ortskartell Backnang.
  14. Petra Bräutigam, S. 52 ff.
  15. Petra Bräutigam, S. 139.
  16. Petra Bräutigam, S. 139.
  17. Petra Bräutigam, S. 140.
  18. Petra Bräutigam, S. 196.
  19. Petra Bräutigam, S. 141.
  20. Petra Bräutigam, S. 142.
  21. Petra Bräutigam, S. 141 ff.
  22. Petra Bräutigam, S. 169.
  23. Backnanger Kreiszeitung vom 21. Mai 1994.
  24. Petra Bräutigam, S. 264.
  25. Petra Bräutigam, S. 264.
  26. Petra Bräutigam, S. 286.
  27. Backnanger Kreiszeitung vom 21. Mai 1994.
  28. Backnanger Kreiszeitung vom 21. Mai 1994.
  29. Petra Bräutigam, S. 184.
  30. Petra Bräutigam, S. 185.
  31. Wikipedia: „Entnazifizierung“; Petra Bräutigam, S. 365 ff.
  32. Wikipedia: „Entnazifizierung“.
  33. Petra Bräutigam, S. 365 ff.
  34. Backnanger Kreiszeitung vom 21. Mai 1994.
  35. Backnanger Kreiszeitung vom 21. Mai 1994.
  36. Petra Bräutigam, S. 378 ff.
  37. Schweizer Group
  38. Petra Bräutigam, S. 54 ff.
  39. Interview mit Reiner Blaschke am 16. Februar 2007.
  40. Gewerkschaftlicher Stadtrundgang (2. Station) vom Ortskartell Backnang.
  41. Stadt Backnang
  42. Petra Bräutigam, S. 144.
  43. Petra Bräutigam, S. 145.
  44. Petra Bräutigam, S. 146.
  45. Petra Bräutigam, S. 223 ff.
  46. Petra Bräutigam, S. 147.
  47. Petra Bräutigam, S. 264 ff.
  48. Petra Bräutigam, S. 324.
  49. Petra Bräutigam, S. 310 f.
  50. Petra Bräutigam, S. 314 ff.
  51. Petra Bräutigam, S. 323 ff.
  52. Petra Bräutigam, S. 324 ff.
  53. Petra Bräutigam, S. 382.
  54. Petra Bräutigam, S. 383.
  55. Petra Bräutigam, S. 384.
  56. Petra Bräutigam, S. 180.
  57. Petra Bräutigam, S. 182.
  58. Petra Bräutigam, S. 182.
  59. Petra Bräutigam, S. 265.
  60. Petra Bräutigam, S. 368.
  61. Petra Bräutigam, S. 368.
  62. Petra Bräutigam, S. 174.
  63. Petra Bräutigam, S. 174 ff.
  64. Petra Bräutigam, S. 175.
  65. Petra Bräutigam, S. 186.
  66. Petra Bräutigam, S. 175.
  67. Petra Bräutigam, S. 176.
  68. Petra Bräutigam, S. 176.
  69. Petra Bräutigam, S. 189.
  70. Petra Bräutigam, S. 190.
  71. Petra Bräutigam, S. 190.
  72. Petra Bräutigam, S. 190.
  73. Petra Bräutigam, S. 190.
  74. Petra Bräutigam, S. 191.
  75. Gewerkschaftlicher Stadtrundgang (4. Station) vom Ortskartell Backnang.
  76. Gewerkschaftlicher Stadtrundgang (4. Station) vom Ortskartell Backnang; Wikipedia: „Organisation Todt“.
  77. 100 Jahre Kaelble, S. 19.
  78. Techniksammlung Backnang.
  79. Gewerkschaftlicher Stadtrundgang (4. Station) vom Ortskartell Backnang.
  80. 100 Jahre Kaelble, S. 19.
  81. Wikipedia: „Kaelble“.
  82. Landesmedienzentrum/Medienbildung.
  83. 100 Jahre Kaelble. S. 22.
  84. Interview mit Reiner Blaschke am 16. Februar 2007.
  85. Landesmedienzentrum/Medienbildung.
  86. 100 Jahre Kaelble. S. 17.
  87. Interview mit Reiner Blaschke am 16. Februar 2007.
  88. Gewerkschaftlicher Stadtrundgang (4. Station ) vom Ortskartell Backnang.
  89. Techniksammlung Backnang.
  90. Gewerkschaftlicher Stadtrundgang vom Ortskartell Backnang.
  91. Stadt Backnang.
  92. Landesmedienzentrum/Medienbildung.
  93. Gewerkschaftlicher Stadtrundgang (1. Station) vom Ortskartell Backnang.
  94. Gewerkschaftlicher Stadtrundgang (1. Station) vom Ortskartell Backnang.

Achtung, diese Schülerarbeit stellt erste, evt. fehlerbehaftete Versuche wissenschaftlichen Arbeitens dar. Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Rechte auf jegliche Weise verletzt worden sind, zögern Sie nicht uns anzusprechen.